Neige, HERR, dein Ohr und höre!

Öffne, HERR, deine Augen und sieh her! 2. Könige 19,16

Merkwürdig. Hat Gott weggeschaut, als es dem Volk Gottes dreckig geht und sie unter der Übermacht der Assyrer bitter leiden? Sie werden von dieser übermächtigen feindlichen Streitmacht belagert und bedroht. Schmalhans ist längst Küchenmeister geworden, das Nötigste fehlt. Hunger hält Jerusalem im Würgegriff.

Sieht Gott denn das alles nicht? Nimmt er denn nicht wahr, was in dieser Welt geschieht? Die Hochwasserkatastrophen, die Zerstörung der Umwelt, die Seuchen, das Elend und die Not der Armen und Hungern-den dieser Welt? Hört er nicht jeden Seufzer? Das ist doch eine der Grundüberzeugungen auch unseres christlichen Lebens. „Gott sieht alles.“, so sagen wir. Und dieser und jener fügt dann noch lächelnd hinzu: „...aber er verrät uns nicht.“ Hier aber in Jerusalem scheint es sich immer kritischer zuzuspitzen.

Hiskia, der gottesfürchtige König, er breitet das ganze Elend seines Volkes vor Gott aus. Und er tut es, obwohl er sehr genau weiß, dass Gott sein Volk im Auge hat. Dennoch spricht er ganz menschlich zu Gott und er bittet ihn, doch hinzuschauen. Ja, wir dürfen das – unsere ganze Not vor unserem Gott ausbreiten, ihm unser Schicksal schildern, ihm die Details unserer Probleme sagen. Gott wird das nicht zu viel. Wir Menschen verdrehen mitunter die Augen, wenn uns immer wieder jemand seine Probleme bis ins Detail schildert. Wir hören weg.

Anders unser Gott. Und wir ehren ihn, wenn wir ihn mit den Nöten unseres Lebens, mit den schmerzlichen Details unseres Alltags, mit den Sorgen unseres Daseins bestürmen. Drücken wir doch damit aus, dass wir ihn brauchen, mehr als die Luft zum Atmen. Wir signalisieren damit, dass wir unsere menschliche Begrenztheit akzeptieren und dass wir alles von ihm erwarten. Gott unsere Not zu schilden

und alles von ihm zu erhoffen, das ehrt unseren Gott. Hiskia klagt, er reflektiert sich und seine Situation und er kommt bittend und flehend zu seinem Gott.

Interessant ist noch eine Nuance, die uns überliefert wird. Der Tenor seines Gebetes ist am Ende:

Herr, rette, damit alle sehen, dass du Gott bist! Er möchte, dass mitten in der Not aufleuchtet: Gott ist der Herr - auch in den Schwierigkeiten und in den Problemen dieser Welt. Er ist vertrauenswürdig. Nein, er ist weder schwerhörig noch vergesslich - aber für uns ist es heilsam, zu ihm zu rufen, ihn zu erinnern und zu bestürmen. Dazu mache ich uns Mut.

Herzlichst Ihr/Euer Thomas Scheffler